Smartglasses : Vom Damoklesschwert zur totalen Überwachung?

Inhalt
Das Grundprinzip von Smartglasses wird bereits seit Jahrzehnten erforscht und von Forschenden wie Steve Mann in den persönlichen Alltag integriert. Nachdem Google mit seiner smarten Brille im Consumerbereich scheiterte, konzentrieren sich neue Produkte vornehmlich auf den professionellen Einsatz.
In den nächsten Jahren wird es aller Voraussicht zu einigen spannenden Neuentwicklungen kommen, die Smartglasses im Alltag etablieren könnten. Ob und in welcher Form diese von Konsument:innen akzeptiert werden, wird allerdings von gesellschaftlichen Faktoren abhängen.
Smartglasses - eine alte Technologie?
Aktuelle Smartglasses wirken futuristisch - doch gehen viele Konzepte und erste Prototypen bis in die 60er-Jahre zurück.
Die Ursprünge: Sword of Damocles
Einer der frühesten Prototypen von heutigen Smartglasses ist das “Sword of Damocles” von Ivan Sutherland aus dem Jahr 1968, mit dem sich Benutzer:innen in einer einfachen 3D-Wireframe Welt umsehen konnte. Die Komponenten waren dabei so schwer, dass sie an der Decke befestigt werden mussten und an ein über dem Kopf schwebendes Damocles-Schwert erinnerten. Diese Konstruktion scheint noch weit entfernt von heutigen Smartglasses, doch bereits wenige Jahre später gelang es Steve Mann, unterstützt durch immer kleiner werdende Elektronikteile, tragbare Brillen zu bauen.
Ivan Sutherland - The Sword of Damocles
Pionierzeit: Steve Mann und seine WearCam
Steve Mann, der als einer der Pioniere im Gebiet von Wearable Computing gilt, konstruierte bereits als Kind spezielle Schweißhelme, mit denen der Träger eine bessere Sicht auf die zu schweißenden Werkstücke hatte. Reguläre Schweißhelme enthalten abdunkelnde Filter zum Schutz der Augen gegen den hellen Lichtbogen, erschweren allerdings die Sicht. Mann’s Helme kamen ohne Verdunklung aus, indem das Bild direkt auf einen integrierten Monitor übertragen wurde.
Später am Massachusetts Institute of Technology widmete er sich komplett der Forschung von tragbaren Computersystemen und entwickelte dabei verschiedenste Prototypen, die modernen Smartglasses bereits sehr ähnlich waren. Mit seiner “WearCam” streamte er zwei Jahre lang sein tägliches Leben live ins Internet. Einige dieser “CyberLogs” können noch immer auf seiner Webseite eingesehen werden: http://wearcam.org/previous_experiences/.

https://de.wikipedia.org/wiki/Steve_Mann
Der erste Big Player: Google Glass
Die Google Glass, die 2014 auf den Markt kam, kann als erster größerer kommerzieller Erfolg bezeichnet werden. Ausgestattet mit einem Display, einer Kamera, ausreichen Rechenpower und Wifi/Bluetooth bot sie eine kompakte Plattform für die Entwicklung von AR Anwendungen. Nach einem anfänglichen Hype geriet das Produkt wegen Datenschutzbedenken und dem hohen Preis in die Kritik. Befürchtungen über eine mögliche Auswertung der Daten durch Gesichts-/ und Stimmerkennung führten zeitweise zu physischen Angriffen auf Google-Glass-Nutzer und dem Schimpfwort „glasshole“. Google stellte den Verkauf 2015 ein.
Seit 2019 wird die Weiterentwicklung “Glass Enterprise Edition 2“ vermarktet und konzentriert sich auf den professionellen Einsatz im beruflichen Alltag, um Arbeiter:innen bei Prozessen zu unterstützen. Hinweise und Echtzeit Informationen werden ins Blickfeld projiziert, um Effizienz zu steigern und die Sicherheit des Nutzers zu erhöhen.
Smartglasses im Alltag - Probleme & Herausforderungen
Nachdem Google Glass bereits 2015 die technische Machbarkeit demonstriert hat, gibt es kaum noch technische Hürden für Smartglasses. Trotzdem gibt es immer noch kein kommerziell erfolgreiches Produkt auf dem Markt - Datenschutzbedenken und soziales Konfliktpotential scheinen die gesellschaftliche Akzeptanz von Smartglasses zu verhindern.
Datenschutz & Privatsphäre
Smartglasses werden allgegenwärtig sein und je nach Umsetzung einen großen Einfluss auf unsere Privatsphäre haben. Aufgrund der immer kompakteren Kameras werden wir nicht erkennen, ob unser Gegenüber Filmaufnahmen macht. Die aufgezeichneten Daten können in Echtzeit verarbeitet und im Internet verbreitet werden. In Kombination mit automatischer Gesichtserkennung könnte es unmöglich werden, unsere Anonymität in der Öffentlichkeit zu wahren. Diese Dystopie der allgegenwärtigen Überwachung wird von vielen Gegnern befürchtet.
Steve Mann argumentiert hingegen, dass wir in der Öffentlichkeit ohnehin ständig überwacht werden - bisherige Überwachung durch Videokameras sei allerdings zentralisiert und bietet Potential für Missbrauch und Korruption. Im Szenario einer dezentralen Überwachung könnte jedes Individuum seine eigene Version der Geschehnisse speichern und ist nicht mehr auf die Integrität von Institutionen angewiesen. Er nennt diese Form von Überwachung “sousvaillence” vom französischen Wort sous (=unter).

http://wearcam.org/VeillanceContract/VeillanceContract.htm
Sousveillance counterbalances surveillance, by completing the Veillance Contract to facilitate an increased possibility of integrity, openness, and honesty.
- Steve Mann
Damit könnten laut Mann Smartglasses ein Gegengewicht zur institutionellen Überwachung darstellen und zur Sicherheit und Freiheit des Einzelnen beitragen.
Technologische Abhängigkeit
Smartglasses können unsere technologische Abhängigkeit erhöhen und unsere Wahrnehmung der Realität langfristig verändern. Die “normale” Welt könnte unattraktiver werden, da die Realität ständig mit virtuellen Elementen angereichert wird. Zudem ist eine Diskriminierung von Menschen ohne Smartglasses möglich, da ihnen der Zugang zu diesen zusätzlichen Informationen verwehrt bleiben würde.
Soziale Interaktionen
Das Tragen von Smartglasses könnte die Art und Weise verändern, wie wir mit anderen Menschen interagieren. Bisher konnte ein Blickkontakt in Gesprächen als Indikator für eine aktive Teilnahme interpretiert werden. Dieses Paradigma muss eventuell überdacht werden, sobald Smartglasses es ermöglichen, an digitalen Aktivitäten auf eine Weise teilzunehmen, die von den Gesprächsteilnehmer:innen unbemerkt bleibt.
Ausblick
Für einen Blick in die Zukunft muss zwischen dem professionellen Einsatz und dem privaten Gebrauch von Smartglasses unterschieden werden. Im Militär, bei Produktionsprozessen und im Gesundheitssektor haben sich Smartglasses längst etabliert. Produkte von Bosch, Vuzix und anderen Firmen reichern das Sichtfeld mit Informationen an, können Bildbereiche vergrößern oder aufhellen und erleichtern die Kommunikation mit anderen Personen. Menschen mit Sehbeeinträchtigung wird der Alltag erleichtert und Autist:innen kann mittels automatischer Emotionserkennung ihrer Mitmenschen in sozialen Situationen geholfen werden.
Ob Smartglasses jemals im Alltag ankommen, wird zuletzt auch von der Umsetzung einiger großer Firmen abhängen. Einigen Gerüchten zufolge soll die Apple Glass ohne Kamera auskommen und damit einige Kritikpunkte umgehen, allerdings auch viele interessante Einsatzmöglichkeiten ausschließen. Schlussendlich werden Konsument:innen entscheiden, ob sie dauerhaft in einer hyper-realen Welt leben möchten oder ob sie die Nutzung von Smartglasses auf ausgewählte Teilbereiche beschränken.
Quellen:
Sutherland (1968), A head-mounted three dimensional display, https://www.semanticscholar.org/paper/A-head-mounted-three-dimensional-display-Sutherland/2be9b23e56ff7949113c4d3169832002ac21b2bf.
Wikipedia, Google Glass, https://en.wikipedia.org/wiki/Google_Glass, (aufgerufen am 18.07.2022).
Steve Mann (1998), ‘WearCam’ (The wearable camera): personal imaging systems for long-term use in wearable tetherless computer-mediated reality and personal photo/videographic memory prosthesis, https://ieeexplore.ieee.org/abstract/document/729538.
Steve Mann (2002), Sousveillance: Inventing and Using Wearable Computing Devices for Data Collection in Surveillance Environments, https://ojs.library.queensu.ca/index.php/surveillance-and-society/article/view/3344.