Smartglasses 2026: Von Google Glass zu Ray-Ban Meta, und die Überwachungsfrage bleibt
Als wir diesen Artikel Ende 2022 zum ersten Mal veröffentlicht haben, war Google Glass ein gescheitertes Experiment und Apple Glass ein Gerücht. Seitdem hat Meta mit Ray-Ban Kamerabrillen zum Alltagsprodukt gemacht, Google bringt im Herbst 2026 Android-XR-Brillen auf den Markt und Apple arbeitet Berichten zufolge an einem Gegenentwurf. Die Frage nach Datenschutz und Überwachung, die 2022 noch theoretisch war, hat inzwischen Aktenzeichen bei Datenschutzbehörden und Gerichten. Wir haben den Artikel deshalb komplett auf den Stand August 2026 gebracht.

Inhalt
Ein kurzer Rückblick: Sutherland, Mann, Google Glass
Die Idee, einen Computer vor die Augen zu schnallen, ist älter als der Personal Computer. Ivan Sutherland baute 1968 das „Sword of Damocles“, ein Head-Mounted Display, dessen Mechanik so schwer war, dass sie an der Decke hing und über dem Kopf der Testperson schwebte. Steve Mann trug ab den 1980er-Jahren selbstgebaute Wearables im Alltag und streamte mit seiner „WearCam“ zwei Jahre lang sein Leben ins Netz. Er prägte auch den Begriff „Sousveillance“: die Überwachung von unten, mit der Bürger:innen ein Gegengewicht zur zentralen Videoüberwachung von Institutionen schaffen könnten.
Google Glass brachte das Konzept 2013 und 2014 erstmals zu einer breiteren Öffentlichkeit und scheiterte an genau der Frage, die dieser Artikel im Titel trägt. Kamera, Display und ein Preis von 1.500 US-Dollar ergaben ein Produkt, dessen Träger als „Glassholes“ bezeichnet wurden. Google stellte den Consumer-Verkauf 2015 ein und verlagerte die Brille in den Enterprise-Bereich.
Was seit 2022 passiert ist
Die Hürde ist inzwischen deutlich niedriger geworden, und der Grund dafür ist ein Brillengestell aus dem Jahr 1952. Meta hat im Oktober 2023 die zweite Generation seiner Kooperation mit EssilorLuxottica als „Ray-Ban Meta“ auf den Markt gebracht: eine Wayfarer mit Kamera, Mikrofonen, Lautsprechern und einem Sprachassistenten, ohne Display. Die Brille sieht aus wie eine Ray-Ban und lässt sich im Optikerladen kaufen. Diese Unauffälligkeit hat den Markt geöffnet.
2025 folgten Sportmodelle mit Oakley, im September 2025 dann die Meta Ray-Ban Display für 799 US-Dollar: ein Farbdisplay im rechten Glas, das Nachrichten, Übersetzungen, Navigation und Antworten von Meta AI einblendet, gesteuert über ein EMG-Armband namens „Neural Band“, das Muskelsignale am Handgelenk in Befehle übersetzt. Im Juni 2026 kam mit „Meta Glasses“ eine eigene Marke für 299 US-Dollar hinzu.
Apple hat im Februar 2024 mit der Vision Pro ein Headset für 3.499 US-Dollar veröffentlicht und dafür das Wort „Spatial Computing“ eingeführt. Laut Berichten von Bloomberg, die Apple nicht bestätigt hat, soll ein leichtes Modell auf der WWDC 2027 vorgestellt werden und Ende 2027 ausgeliefert werden; ob es eine aufzeichnende Kamera bekommt, ist demnach intern noch offen.
Google ist mit Android XR zurück. Auf der I/O 2025 wurde die Plattform zusammen mit Samsung als Hardware-Partner und den Brillenmarken Warby Parker und Gentle Monster vorgestellt. Auf der I/O 2026 folgte die Zusage, dass Audio-Brillen mit Gemini im Herbst 2026 erscheinen und Modelle mit Display später folgen.
| Gerät | Hersteller | Jahr | Kamera | Display |
|---|---|---|---|---|
| Google Glass (Explorer Edition) | 2013/2014 | ja | ja, Prisma über dem rechten Auge | |
| Ray-Ban Meta | Meta / EssilorLuxottica | Oktober 2023 | ja | nein |
| Apple Vision Pro | Apple | Februar 2024 | ja (Headset) | ja, zwei Micro-OLED-Displays |
| Oakley Meta HSTN und Vanguard | Meta / EssilorLuxottica | 2025 | ja | nein |
| Meta Ray-Ban Display | Meta / EssilorLuxottica | September 2025 | ja | ja, Farbdisplay im rechten Glas |
| Meta Glasses | Meta / EssilorLuxottica | Juni 2026 | ja | nein |
| Android-XR-Brillen (Samsung, Warby Parker, Gentle Monster) | Google und Partner | Herbst 2026 (Audio), Display später | ja | Audio-Modelle nein, Display-Modelle ja |
| Apple Smart Glasses | Apple | 2027 laut Berichten, nicht angekündigt | offen | offen |
Fast jedes Gerät hat eine Kamera, nur ein Teil hat ein Display. Der Markt hat sich zuerst über Kamera und Sprachassistent erschlossen, das Display folgt als zweite Stufe. Für die Überwachungsfrage ist das die ungünstigere Reihenfolge, denn die Kamera ist der Teil, der andere Menschen betrifft.
Warum die Überwachungsfrage heute realer ist als 2022
2022 haben wir über Szenarien geschrieben. 2026 gibt es Vorfälle.
Gesichtserkennung ist keine Theorie mehr. Im Oktober 2024 haben zwei Harvard-Studenten mit „I-XRAY“ gezeigt, wie sich eine handelsübliche Ray-Ban Meta mit der Gesichtssuchmaschine PimEyes und einem Sprachmodell koppeln lässt. Das System erkannte fremde Personen auf der Straße und lieferte innerhalb von Sekunden Namen, Adressen und Telefonnummern. Meta selbst bietet keine Gesichtserkennung an; die Brille reicht als Kamera, der Rest ist im Internet frei verfügbar.
Menschen sehen die Aufnahmen. Im März 2026 veröffentlichten die schwedischen Zeitungen Svenska Dagbladet und Göteborgs-Posten eine Recherche, nach der Beschäftigte des Meta-Subunternehmers Sama in Nairobi Video- und Audioaufnahmen aus Ray-Ban-Meta-Brillen zum Trainieren von KI-Modellen sichteten. Darunter waren nach Aussagen von über 30 Beschäftigten Aufnahmen aus Badezimmern, beim Umziehen, beim Sex sowie sichtbare Bankkartendaten; die automatische Anonymisierung der Gesichter versagte bei schwierigen Lichtverhältnissen. Meta verwies in seiner Antwort auf die Nutzungsbedingungen. Die Personen auf den Aufnahmen hatten keine Möglichkeit, zuzustimmen oder zu widersprechen.
Die Aufnahme-LED wird umgangen. Metas Brillen zeigen mit einer weißen LED an, wenn die Kamera läuft, und verweigern die Aufnahme, wenn die LED abgeklebt ist. Seit Herbst 2025 bieten Bastler an, die LED für rund 60 US-Dollar auszubauen. Meta hat im Juli 2026 per Software-Update nachgezogen und deaktiviert die Kamera, wenn die LED physisch manipuliert wurde, löscht Anzeigen für solche Umbauten und droht mit rechtlichen Schritten. Der Schutz durch eine Leuchtdiode funktioniert nur, solange der Hersteller ihn aktiv verteidigt und das Gegenüber die LED überhaupt bemerkt.
Steve Manns Sousveillance-Argument erscheint vor diesem Hintergrund in einem anderen Licht. Mann ging davon aus, dass die Aufnahmen beim Träger bleiben. Bei heutigen Brillen laufen sie über die Cloud eines Konzerns, werden für KI-Training verwendet und lassen sich mit frei verfügbaren Diensten zu Personenprofilen verknüpfen. Die dezentrale Kamera füttert eine zentrale Datenbank.
Der rechtliche Rahmen in der EU
DSGVO. Wer mit einer Smartglass Personen filmt, verarbeitet personenbezogene Daten. Die sogenannte Haushaltsausnahme (Art. 2 Abs. 2 lit. c DSGVO) greift nur für rein persönliche oder familiäre Tätigkeiten; der Europäische Gerichtshof hat schon 2014 im Fall Ryneš entschieden, dass Aufnahmen, die in den öffentlichen Raum reichen, nicht darunter fallen. Für Unternehmen, die Aufnahmen aus Brillen verarbeiten, gelten ohnehin die vollen Pflichten: Rechtsgrundlage, Information der Betroffenen, Datenschutz-Folgenabschätzung bei systematischer Überwachung. Die Grundlagen beschreibt unser Artikel zur DSGVO als rechtlicher Grundlage der Cookie-Banner.
Persönlichkeitsrecht. In Deutschland kommt das Recht am eigenen Bild nach § 22 Kunsturhebergesetz hinzu. Bilder dürfen ohne Einwilligung der abgebildeten Person nicht verbreitet werden, mit engen Ausnahmen etwa für Personen der Zeitgeschichte oder Beiwerk in Landschaftsaufnahmen. Ein Livestream aus der Brille ist eine Verbreitung.
AI Act. Die KI-Verordnung der EU verbietet seit dem 2. Februar 2025 in Art. 5 unter anderem den Aufbau von Gesichtserkennungsdatenbanken durch ungezieltes Auslesen von Gesichtsbildern aus dem Internet oder aus Kameraaufnahmen, sowie die biometrische Echtzeit-Fernidentifizierung im öffentlichen Raum zu Strafverfolgungszwecken. Letzteres Verbot hat Ausnahmen, etwa für die Suche nach Vermissten oder die Abwehr konkreter Terrorgefahr, und diese Ausnahmen brauchen eine richterliche oder behördliche Genehmigung. Für private Anbieter einer „Wer ist das?“-Funktion in einer Brille bleibt in der EU damit kaum Spielraum.
Der Rahmen ist also da. Was fehlt, ist die Durchsetzung im Alltag: Wer in der Bahn von einer Ray-Ban gefilmt wird, hat Ansprüche, aber weder Beweis noch Ansprechpartner.
Was das für Unternehmen und App-Entwicklung bedeutet
Für uns als Agentur ist eine zweite Entwicklung seit 2022 ebenso wichtig: Die Brillen sind zu Plattformen mit Entwicklerzugang geworden.
Meta hat im September 2025 das Wearables Device Access Toolkit angekündigt und im Dezember 2025 als Developer Preview freigegeben. Damit greifen iOS- und Android-Apps auf Kamera und Mikrofon der Brille zu; die Verarbeitung läuft weiterhin auf dem Smartphone. Seit Mai 2026 lassen sich zusätzlich Inhalte auf dem Display der Ray-Ban Display anzeigen: Text, Bilder, Listen, Buttons und Video, wahlweise aus einer nativen App in Swift oder Kotlin oder als Web-App, die per URL auf die Brille geladen wird. Zu den frühen Partnern gehören Microsoft Seeing AI, Be My Eyes und Twitch.
Google liefert mit dem Android XR SDK (Developer Preview 3, Dezember 2025) zwei neue Jetpack-Bibliotheken: „Projected“ für Sensoren, Lautsprecher und Display der Brille und „Compose Glimmer“ als Designsystem für die Eingabemodalitäten von Brillen, dazu einen Brillen-Emulator in Android Studio.
Apple stellt mit visionOS bisher nur das Headset zur Verfügung. Wer seine iOS-App über App Intents für Siri und Apple Intelligence erschließt, wie wir es in unserem Artikel zu App Intents beschreiben, hat aber eine plausible Vorbereitung getroffen: Eine Brille ohne klassische Oberfläche wird Apps in erster Linie über Sprache und Kontext ansprechen.
Für Unternehmen ergeben sich daraus drei konkrete Fragen:
- Gibt es einen Anwendungsfall mit freien Händen? Lager, Wartung, Pflege, Küche, Außendienst, Barrierefreiheit. Dort haben Datenbrillen bereits funktioniert, als sie noch klobig waren; mit Consumer-Hardware sinken die Einstiegskosten deutlich.
- Ist die App-Architektur bereit? Die neuen SDKs setzen auf bestehende Apps auf. Eine App, deren Logik sauber vom UI getrennt ist und die ihre Funktionen als Intents oder Services anbietet, lässt sich in Wochen um eine Brillenoberfläche erweitern. Unser Praxis-Check für AI-ready Apps beschreibt dieselbe Anforderung aus einer anderen Richtung.
- Was passiert mit den Aufnahmen? Jede Brillen-App, die Kamera oder Mikrofon nutzt, verarbeitet Daten von Unbeteiligten. Das gehört in die Datenschutz-Folgenabschätzung, in die Nutzerhinweise und in die Architektur: Verarbeitung auf dem Gerät statt in der Cloud, wo immer es geht, keine Speicherung ohne Zweck, klare Signale für Dritte.
Die Recherche aus Schweden hat gezeigt, was passiert, wenn ein Hersteller diese Frage den Nutzungsbedingungen überlässt.
Fazit
2022 lautete unsere Einschätzung, dass die gesellschaftliche Akzeptanz über Smartglasses entscheidet. Die Hersteller haben diese Hürde mit Design umgangen: Eine Ray-Ban Meta sieht aus wie eine Ray-Ban, und mit der Unauffälligkeit kam die Akzeptanz. Die Überwachungsfrage hat sich dadurch von den Trägern zu den Menschen um sie herum verschoben. Für die nächsten Jahre erwarten wir drei Plattformen mit Entwicklerzugang, Meta, Android XR und, wenn die Berichte stimmen, ab 2027 Apple. Unternehmen mit einem Anwendungsfall für freie Hände sollten jetzt prüfen, ob ihre App darauf vorbereitet ist. Wer Brillen-Apps baut, sollte den Umgang mit Aufnahmen Unbeteiligter als Architekturfrage behandeln.
Häufige Fragen
Darf ich mit einer Ray-Ban Meta in Deutschland in der Öffentlichkeit filmen?
Aufnahmen für den rein privaten Gebrauch sind in engen Grenzen erlaubt. Sobald Aufnahmen verbreitet werden, etwa als Livestream oder Post, braucht es nach § 22 KUG die Einwilligung erkennbarer Personen; die DSGVO greift, sobald die Aufnahmen über den persönlichen Bereich hinausgehen. Hausrecht in Geschäften, Schwimmbädern oder Praxen kommt hinzu.
Können Smartglasses Gesichter erkennen?
Die verkauften Geräte von Meta bieten keine Gesichtserkennung an. Technisch ist sie mit der Kamera und externen Diensten möglich, wie die Harvard-Demonstration „I-XRAY“ 2024 gezeigt hat. In der EU verbietet der AI Act seit Februar 2025 den Aufbau von Gesichtsdatenbanken durch ungezieltes Auslesen von Bildern und schränkt die biometrische Echtzeit-Fernidentifizierung im öffentlichen Raum stark ein.
Lohnt es sich, jetzt eine App für Smartglasses zu entwickeln?
Für Anwendungsfälle mit freien Händen und einer bestehenden mobilen App ja. Metas Toolkit und Googles Android XR SDK setzen auf vorhandene iOS- und Android-Apps auf; der Aufwand hängt vor allem davon ab, wie sauber die App-Logik von der Oberfläche getrennt ist. Für reine Consumer-Apps ohne klaren Brillen-Nutzen ist es sinnvoller, die Architektur vorzubereiten und den Herbst 2026 abzuwarten.
Kommt eine Apple-Brille?
Offiziell hat Apple keine Brille angekündigt. Bloomberg berichtet, Apple plane die Vorstellung für die WWDC 2027 und die Auslieferung für Ende 2027, mit Datenschutz als zentralem Verkaufsargument. Ob das Gerät eine aufzeichnende Kamera bekommt, ist laut diesen Berichten noch nicht entschieden.
Quellen
- Meta Ray-Ban Display: AI Glasses With an EMG Wristband (Meta Newsroom, September 2025)
- Ray-Ban Meta (Wikipedia, englisch)
- Apple Vision Pro available in the U.S. on February 2 (Apple Newsroom, Januar 2024)
- Apple Planning to Unveil Privacy-Focused Smart Glasses at WWDC 2027 (MacRumors, Juli 2026, nach Bloomberg)
- Android XR glasses get I/O 2025 demo (9to5Google, Mai 2025)
- Intelligent eyewear with Gemini is coming this fall (Google, Mai 2026)
- Build for AI Glasses with the Android XR SDK Developer Preview 3 (Android Developers Blog, Dezember 2025)
- Introducing the Meta Wearables Device Access Toolkit (Meta for Developers, September/Dezember 2025)
- Build for display glasses starting today (Meta for Developers, Mai 2026)
- Two Harvard Students use Meta Ray-Bans and AI To Get Personal Information (Forbes, Oktober 2024)
- Workers reviewing Meta Ray-Ban footage encounter users’ intimate moments (Help Net Security, März 2026, nach Svenska Dagbladet und Göteborgs-Posten)
- A $60 Mod to Meta’s Ray-Bans Disables Its Privacy-Protecting Recording Light (404 Media, Oktober 2025)
- Meta patches Ray-Ban glasses spy-cam privacy loophole (TNW, Juli 2026)
- Artikel 5 KI-Verordnung: Verbotene Praktiken im KI-Bereich (artificialintelligenceact.eu)
- Sutherland (1968), A head-mounted three dimensional display
- Steve Mann (2002), Sousveillance: Inventing and Using Wearable Computing Devices
- Google Glass (Wikipedia, englisch)